EIN SOUND ARTIST

Charles MacInnes ist gebürtiger Australier und lebt seit vier Jahren zum zweiten mal in Hamburg. er ist als Musiker, komponist, Musikpädagoge und Sound Artist tätig und unterrichtet unter anderem auch an der Elbphilharmonie. zuvor hat er schon einmal 10 Jahre in Hamburg gelebt und sowohl Hier studiert als auch als musiker gearbeitet.

das multitalent ist vielseitig kreativ und hat mit einem studium als bassposaunist begonnen. wir sind bei ihm in seinem Studio eingeladen, um uns anzusehen, was ein Sound Artist eigentlich genau macht.


April 2026, ein Wohnhaus in Hamburg-Eimsbüttel. Hier befindet sich das Studio von Charles MacInnes und wir dürfen ihm heute über die Schultern schauen. Neben einer Bassposaune, dem einzigen klassischen Musikinstrument das wir sehen, muten alle anderen Gegenstände eher wie eine Mischung aus Raritäten-Flohmarkt und Mischpult an.
Wenn Charles von seiner Arbeit als Musikpädagoge für Kinder und Jugendliche erzählt, ist seine Begeisterung sofort spürbar. Mit diversen erklärungsbedürftigen Requisiten, Handauflegen bzw. berührungslosen Bewegungen enstehen spontan die ungewöhnlichsten Klänge.
Während wir zusehen und -hören, wie eine Klang-Collage ensteht, wird klar, wie kreativ diese Art von Musik ist.

Wir sind sofort fasziniert und haben Fragen.


INTERVIEW MIT CHARLES

  • Charles, was machst Du eigentlich genau und was macht ein Sound Artist?

    Ich würde sagen, ich bin Musiker, Sound Artist und Educator. In Deutschland haben wir den Begriff Musikvermittlung.

    Das ist der Versuch wegzukommen von dieser Meisterschüler-Idee, nach dem Motto: ein Profi zeigt euch jetzt, wie das geht.

    Es geht in erster Linie nicht darum, Instrumente zu lernen, sonder eher um: Was können wir machen? Was können wir zusammen bauen?

    Und ich benutze absichtlich das Wort bauen und nicht komponieren, denn wenn man komponieren sagt, hat man das Gefühl, jetzt brauche ich Notenpapier und Musikkenntnisse und so, aber das braucht man alles nicht. 

    Meine drei Fragen sind immer, 

    - was für Sounds haben wir? 

    - wie können wir die organisieren und

    - was machen wir damit? 

    Und mit diesen drei Einstiegsfragen beginnt fast jeder Workshop. Und das passt für jede Gruppe, auch für Profis.

    Das geht ein bisschen weg davon, dass Musik eine Geschichte erzählen muss, das muss sie nicht. Wir probieren verschiedene Methoden, um Klänge zu kombinieren. 


    Ein Beispiel: Ein Mädchen aus einer Schuklasse saß am Klavier und hat angefangen zu spielen. Und dann dachte ich, okay, was mache ich jetzt damit? Es können ja nicht alle das Gleiche machen. Dann habe ich gesagt, okay, pass auf: wie würde es klingen -das machen wir natürlich nicht wirklich - aber wie würde das klingen, wenn aus Versehen dieses Instrument aus dem dritten Stockwerk aus dem Fenster fällt und auf dem Boden landet? Und dann haben wir angefangen und das Stück langsam zerstört. Und sie spielte hartnäckig weiter. 
Und dann wurde das ganze Ding Chaos und dann haben wir einen Crash gemacht. Und das war unser Stück. Es war herrlich. (siehe O-Ton :))


    In jeder Schule gibt es einen Schrank mit kaputten Instrumenten und Sachen, von denen man denkt, das müssen wir irgendwann mal reparieren. 
Aber die liegen da seit 1986 und das sind alte Dinge wie z.B.  ein ganzer Karton voll mit irgendwelchen Lamellen von kaputten Glockenspielen. Und ich frage dann die Lehrkräfte, ob wir die verwenden dürfen? 
Dann machen wir den ganzen Raum voller Klangskulpturen, hängen alles auf und spielen damit, manchmal schmeißen wir das auch aus dem Fenster, und nehmen das auf. 
Und das sind unsere Samples oder unsere Klänge für später.


  • Was hat Dich inspiriert, Musiker, Pädagoge und Sound Artist zu werden?

    Ich war früher klassischer Bass-Posaunist. Das habe ich studiert und spiele auch noch und übe jeden Tag. Ich hatte eine Orchesterstelle und sogar im Orchester in Australien gearbeitet. In Hamburg habe ich studiert und sehr oft als Aushilfe in verschiedenen Orchestern gespielt. 
Aber nach einer Weile dachte ich, irgendwie ist das nicht ganz, was ich mir vorgestellt habe. Das ist eine sehr begrenzte Rolle. Du hast eine bestimmte Sache, die du tun musst. Du sitzt da, alle sehen gleich aus. Du darfst dich nicht bewegen. Du wartest, du spielst deine Töne. Jedes Mal perfekt daselbe. Dann langsam das Instrument wieder runternehmen, aufstehen, verbeugen, raus und dann etwas trinken gehen. Und ich dachte, okay, ich kann das jetzt nicht für die nächsten 40 Jahre machen. 
Ich dachte, da gibt es auch noch eine kreative Ebene. 

    Dann bin ich zurück zur Uni gegangen und habe einen Master gemacht und promoviert in Musikkomposition, aber mit Schwerpunkt Improvisation in zeitgenössischer Kunstmusik. 

    Wie können klassisch ausgebildete Musiker und Musikerinnen sich wohlfühlen, wenn die Noten weg sind?  Und aus dieser Erfahrung bin ich dann eingestiegen in Musikpädagogik, Community Music, Musikvermittlung.

    Was ich am Ende haben möchte, ist das Gefühl, dass ich doch kreativ bin. Ich habe habe was zu sagen, ohne dass ich ein Musikinstrument spiele. Und dass die Stimmen von allen gehört werden. Das ist glaube ich das ganz Wichtige, was dahinter steckt.  

  • Und wie lernt man das?

    Man kann Musikpädagogik und Musikvermittlung studieren. 
Musikvermittlung nur in Europa, soweit ich weiß. In Deutschland, Österreich, in der Schweiz. Das ist relativ neu als Hauptfach. Das habe ich aber nicht gemacht.


    Ich bin ab und zu mal bei Universitäten als Gast und leite Kurse in diesem Bereich. Das wird sogar immer wichtiger, weil inzwischen jede Organisation das jetzt macht. 

    An der Elphi, wo ich auch arbeite, haben wir eine sehr große Musiktabeilung, ca. 30 Leute. Das ist sehr außergewöhnlich. In Europa gibt es nirgendwo so ein Riesenprogramm.

  • Was machst Du morgens als Erstes?

    Womit ich immer anfange, ist, ich steig auf mein Fahrrad und fahre los. 
Darüber freue mich wirklich. Das ist für mich, trotz Lieferwagen und blöder Autofahrer, der Gedanke: okay, ich lebe, alles ist okay, ich kann jetzt ein bisschen fliegen, nur für 20 Minuten. 

    Wenn ich das nicht machen kann, ist der Tag auf jeden Fall schlimmer. Wenn ich bei Regen oder im Winter mit der U2 und U3 kämpfen müsste, gehe ich lieber zu Fuß zur Arbeit.

  • Was liebst Du ganz besonders an Deiner Arbeit?

    Für mich ist das absolut Besondere, zu sehen und zu beobachten und mitzukriegen, wie besonders junge Leute zum ersten Mal das erleben, dass teilweise unorganisierte oder unberechenbare oder unkonventionelle Klänge etwas ganz Besonderes sind. Und wenn die das mitkriegen und mitmachen, das finde ich erstaunlich. Dann denke ich wirklich, ich habe was erreicht.  

    Und es geht jetzt nicht darum, dass die dann auf einmal Instrumente lernen oder das weitermachen.

    Manchmal dauert das zehn Jahre, bis man denkt, oh Gott, das habe ich doch gemacht irgendwo in der Schule. Da kam irgendjemand und hat mit uns experimentelle Musik gemacht. 
Einfach diese Idee, dass die Ohren geöffnet sind und eine neue Aufmerksamkeit für alltägliche Klänge entsteht, das ist das Besondere für mich. Wie  eine Einführung in diese neue Welt von Sound.

    Und die Welt ist natürlich laut. Ich trage oft Ohrenstöpsel, wenn ich draußen bin. Viele sagen am Ende, ich wusste gar nicht, dass man so spielen kann.  

  • Gibt es etwas, was Du an Deiner Arbeit vermisst?

    Ja, manchmal. Gerade wenn man für Institutionen arbeitet, gibt es nicht ganz so viele Möglichkeiten, neue Programme und kreative neue Ideen zu entwickeln. Es gibt eine Tendenz, dass wenn etwas gut klappt, dann machen wir das weiter. 
Und ich finde das ist ein Problem. Ich verstehe, warum das so ist, wenn man für ein Orchester arbeitet. Wir dürfen, finde ich, nicht nur Workshops und Musikprogramme anbieten, weil das unsere Kundschaft ist. 
Wenn es ein bisschen zu viel in Richtung Audience Development geht und wenn Musikvermittlung oder Musikpädagogikprogramm eher ein Marketing-Tool ist, finde ich das problematisch,

    Ich finde es absolut wichtig, dass wir immer wieder fragen, warum machen wir das? Und wie könnte das weiterentwickelt werden.  

    Das fehlt mir: die Gelegenheit, neue Ideen auszuprobieren und die umzusetzen


    Wenn Entscheidungen nur getroffen werden, basierend darauf, wie viele Leute da waren, wie viel Publikum, wie viel Geld wurde eingenommen und diese ganzen Fragen als Hauptkriterien gelten, dann ist das schade. 
Wir machen manchmal Programme oder Workshops und da sind nur wenige Teilnehmende. Dann ist es kein Konzert und hat wahrscheinlich zu viel gekostet. 
Aber wir wissen, das war toll.

  • Hast Du eine Superkraft?

    Ja, ich habe jetzt nach vielen Jahren gemerkt, dass ich sehr schnell auf neue Situationen reagieren kann. 
Und das ist so wichtig in unserer Arbeit. Denn wenn du einen Plan hast, der zu strikt und zu streng und zu unflexibel ist, dann klappt das nicht, denn jede Situation ist anders. Jede Gruppe ist anders, jeder Raum ist anders. Das sind so viele Sachen, die man nicht im Voraus wissen kann. 
Und manchmal mache absichtlich keine Liste, von dem was ich durchführe, sondern wir fangen einfach an. Und das ist meine Kraft, dass ich mittlerweile sicher genug bin, dass ich das machen kann. Und meine Kollegen sagen manchmal, wie kannst du so spontan denken? 
Aber das habe ich gelernt. Das habe ich über die Jahre gelernt, dass man tatsächlich die Situation anguckt und denkt, okay, ich habe eine Idee. Lass uns das probieren. 

    Das heißt nicht, dass es durhcheinander ist und ohne Plan. Natürlich habe ich einen Plan.

    Die 3 Fragen sind als Leitfaden immer im Hintergrund: was sind unserer Klänge. 
Wie können wir die ändern? Was machen wir damit? 


  • Ist KI schon ein Thema in Deinem Bereich?

    Ja, das wird sehr stark diskutiert. 

    Ich finde es sehr problematisch, wenn Artistic work von anderen quasi geklaut wird, um die KI zu trainieren.. Ich sage oft am Ende eines Workshops, das hätten nur Menschen machen können, was wir gerade gespielt haben.

    Es gibt tatsächlich Möglichkeiten, ganze Songs oder Künstlerinnen in 10 Minuten zu produzieren.


    In meinem Bereich ist es nicht ganz so problematisch, weil wir improvisieren und experimentell sind. Es lebt dadurch, dass wir interagieren.


    Es gibt inzwischen ganze Konferenzen über die Rolle von KI in Musik und Music Education und ob das gut ist oder nicht.  Die Antwort habe ich noch nicht.

  • Kann man den Beruf gut mit der Familie vereinbaren?

    An sich ja. Meine Kinder sind jetzt erwachsen. 
Aber ja, ich merke, wo ich jetzt arbeite, das ist sehr kindergerecht. Man muss sich nicht rechtfertigen, wenn ein Kind krank ist. 

    Okay, die Arbeitszeiten, wir müssen um acht schon da sein.  

    Es gibt ein bisschen Flexibilität und nicht alle arbeiten Vollzeit. 
Es gibt sehr viele Teilzeitverträge und das lässt sich gut vereinbaren. 

    Man kann zum Beispiel am Ende des Monats bei der Planung für den nächsten Monat sagen, dass man an bestimmten Tage lieber nicht arbeiten möchte oder kann, aber unter Umständen dann an anderen Tagen. Man kann sich sozusagen eine Wunschliste erstellen. Das finde ich gut.

INFOBOX

Sound Artists bewegen sich an der Schnittstelle zwischen Kunst und Technologie und nutzen Klang als eigenständiges Medium.


Typische Aufgaben

  • Entwicklung von Soundkonzepten / Klangnarrativen
  • Aufnahme von Geräuschen (Field Recording)
  • Bearbeitung mit Digital Audio Workstations (DAWs)
  • Gestaltung von Klanginstallationen oder Performances
  • Zusammenarbeit mit Künstler:innen, Kurator:innen, Technikteams


Arbeitsfelder & Einsatzbereiche

  • Kunstinstallationen (Museen, Ausstellungen)
  • Theater & Performance
  • Film, Games, VR/AR
  • Stadt- und Raumprojekte (Soundscapes)
  • Medienkunst & digitale Kunst




Ensemble Density