EINE INHABERIN EINES COWORKING SPACE

Nach acht Jahren in New York kehrt Silvia Steude zurück nach Deutschland. im Gepäck: ihr Sohn, ihr Lebensgefährte und jede Menge Erfahrung als Architektin in einer der dynamischsten Städte der Welt. In Berlin-Prenzlauer Berg führt sie heute den juggleHUB, einen Coworking Space mit integrierter Kinderbetreuung.

Schraubenzieher und Maßstab sind ihre unverzichtbaren Begleiter, wenn sie durch die rund 400 Quadratmeter navigiert – aufgeteilt in Café, Meetingräume, Arbeitsplätze und natürlich den Kinderbereich. Als Allroundtalent ist Silvia mal Architektin, mal Handwerkerin, mal Hausmeisterin. Und immer Gastgeberin für eine internationale Community, die hier arbeitet, netzwerkt und Familie unter einen Hut bringt.

Januar 2026 - wir starten das neue Jahr in Berlin-Prenzlauer Berg, wo Silvia Steude den juggleHUB leitet, einen Coworking Space mit Kinderbetreuung. Flexibles Arbeiten klingt großartig – bis Kita-Schließtage, kranke Kinder oder fehlende Betreuungsplätze dazwischenkommen. Plötzlich konkurrieren Deadline und Kleinkind um dieselbe Aufmerksamkeit. Silvia kannte das Problem aus eigener Erfahrung und gründete 2016 gemeinsam mit Katja Thiede den juggleHUB – damals einer der ersten Coworking Spaces in Berlin mit diesem Konzept. Nach einem Umzug führt Silvia den Space heute solo weiter.

Das Besondere? Die Kinderbetreuung ist kein Muss, sondern ein flexibles Angebot. Ob Freelancer ohne Kitaplatz, internationale Fachkräfte oder Gründer:innen-Teams – alle sind willkommen, auch auf Englisch. Eltern arbeiten, während ihre Kinder nur wenige Türen weiter spielen oder schlafen. Silvias Zeit in New York prägt dabei die Atmosphäre: offen, pragmatisch, international. Im Interview erzählt sie, wie aus eigenem Bedarf eine Geschäftsidee wurde – und welche Superkraft ihr beim täglichen Jonglieren zwischen Workshops, Café und Kinderzimmer hilft.

INTERVIEW MIT SILVIA

  • Wie kamst du auf die Idee mit dem JuggleHUB?

    Ich kam 2010 mit meinem damaligen Partner und unserem einjährigen Sohn aus New York nach Berlin. Ich habe damals als Architektin gearbeitet. Für mich war selbstverständlich, dass ich auch mit Kind Vollzeit arbeite. Und gut, in der Architektur heißt Vollzeit oft auch mehr als 40 Stunden.

    Weil ich mich damals sehr stark mit Expat -Frauen vernetzt habe, entstand die Idee, dass es eigentlich einen Ort geben müsste, wo man auch nachmittags nach Betreuungsschluss oder an Schließtagen der Kita arbeiten könnte. Wo man sein Kind mitbringen könnte, ohne dass man seine Professionalität verliert. Es gab einfach nur Kindercafés oder Krabbel-Gruppen, man wurde so auf die Mutterrolle reduziert. 

    Und je mehr man sich dann damit befasst hat, hat man gemerkt,  dass es einfach vielen Leuten so geht, dass die Betreuungszeiten, die es gibt, einfach nicht ausreichen, dass die Flexibilität nicht da ist.

    Ich wusste übrigens gar nicht, dass diese Idee Coworking heißt und ich wusste auch gar nicht, dass es das schon gibt. Nur eben noch nicht mit der Kinderbetreuung.

    Tatsächlich gab es dann in dem Jahr, in dem Katja und ich angefangen haben, wirklich so zwei, drei andere, die parallel Ähnliches gegründet haben. Die sind aber dann leider auch schon Innerhalb von ein, zwei Jahren wieder vom Markt verschwunden.

     

    Was dieses Konzept gesellschaftlich so macht, das haben wir eigentlich erst im Nachhinein festgestellt. 

    Es war spannend, zu sehen, wie ein Ort, wo Kinder einfach ganz selbstverständlich dazugehören, ohne dass daraus so ein Kinderthema wird und wo Kinder einfach ein Teil des Ganzen sind, plötzlich den Ton verändert. Teilnehmer:innen haben  plötzlich von ihren eigenen Kindern oder Familien erzählt. 

    Das haben wir dann an der Kaffeebar mitbekommen, wenn alle aus dem Meeting-Raum rauskamen und sich Kaffee geholt haben. Dann merkte man an den Gesprächen, dass sich da etwas verändert. Und das wurde mir tatsächlich im Nachhinein bestätigt, dass sich auch die Stimmung in den Workshops und den Meetings dadurch verändert hat. 

    Dass die Meetings besser wurden, weil die Leute entspannter waren und selbst auch ein bisschen von ihrem Privatleben erzählt haben.


  • Was machst du morgens als erstes, wenn du hierher kommst?

    Das kommt natürlich immer ein bisschen drauf an, was gerade an dem Tag anliegt. Wenn wir gleich morgens Raumbuchungen haben, dann ist oft morgens erst mal ein bisschen Stress mit Getränke vorbereiten oder Frühstück vorbereiten. Manchmal muss ich vorher auch noch schnell einkaufen gehen. 

    Da fängt der Morgen dann oft früh an, so dass ich um acht schon beim beim Supermarkt bin und noch ein bisschen Obst einkaufe usw. Danach gibt es so eine heiße Phase, bis die Gäste alles haben, was sie brauchen. 

    Und dann so ab  9:30 Uhr trinke ich erst mal gemütlich einen Kaffee. 

    Wenn es keine frühen Buchungen gibt, dann geht es auch meistens sehr entspannt los mit Kaffee trinken, anschließend sich um die E-Mails kümmern, Angebote schreiben, etc.

    In meinem Verantwortungsbereich liegt auch, dass alles funktioniert in den Räumen. Das Aufräumen und alles wieder herrichten für die nächsten Kunden zum Beispiel.


  • Was braucht man, um einen Coworking space zu leiten? Kann man das lenen?

    Das ist auf jeden Fall Learning by doing. Dadurch, dass das jetzt kein klassischer Beruf ist, den man erlernt, sondern es ist eher ein klassisches Gründerprojekt: etwas zu kreieren, was es vorher so nicht gab.

     

    Im Prinzip stellen wir Räume und Dienstleistungen zur Verfügung. 

    Was für mich eine steile Lernkurve war, war erst einmal ein Business zu gründen und was noch alles daran hängt.  

    Dann natürlich Personal einzustellen und zu führen. 

    Außerdem die ganzen internen Abläufe, die man so entwickelt mit der Zeit, damit die Dinge reibungslos laufen. Das lernt man durchs tun. Und das ist wahrscheinlich auch bei jedem ein bisschen anders, je nachdem, welchen Schwerpunkt man in seinem Coworking Space hat. Durch die Kinderbetreuung ist es natürlich auch wieder komplexer, weil man da gucken muss: wie wird das gebucht? Bis wann wird das gebucht? Was sind die Fristen?  Was braucht man eigentlich? 

    Und das ist wirklich trial and error. Das kann man nicht lernen. Vor allem gibt es das sonst nicht. Wir haben zwar nach Beispielen gesucht, aber keine gefunden.


  • Hast du eine Superkraft, die dir hilft beim Jonglieren?

    Gute Frage. Bei der ersten Gründung war ich natürlich total motiviert, aber vorletztes Jahr, als es darum ging über den Umzug zu entscheiden und ob wir das machen und diesen dann auch zu planen, hatte ich wenig Motivation. Aber ich habe  gemerkt: ich gehe einfach weiter und irgendwann wird es vorbei sein. Dieses Durchhaltevermögen und einfach darauf zu vertrauen, dass man da irgendwie durchkommt - ich weiß nicht, ob das ein Jungfrauending ist aber das hat mich so da durchgetragen.

    Außerdem bin ich einfach gerne Gastgeberin. Ich bin gerne Problemlöserin und ich bin serviceorientiert. Ich möchte, dass es allen gut geht, dass alle sich wohlfühlen. 

    Ich würde mal sagen, das hat sich als meine Superpower hier im JuggleHUB  herausgestellt. Das weiß man ja vorher nicht. 

  • Vermisst du etwas an deiner Arbeit?

    Es gab schon Phasen, wo es mir ein bisschen gefehlt hat, inhaltlich zu arbeiten. Dass ich einfach sehr viel organisiere und Service anbiete, aber dass ich manchmal gerne auch wieder ein Projekt hätte, woran man  konzentriert arbeitet. Aber ich merke auch, da fehlt oft die Zeit und der Fokus dafür. 

    Jetzt dieser Umzug war natürlich so ein Projekt und da gehe ich dann schon auch darin auf. Wobei das  jetzt einfach auch sehr stressig war. Das ist natürlich auch noch ein Überbleibsel aus meiner Architekturzeit, wo man wirklich große Projekte verfolgt über längere Zeit und dann auch ein Ergebnis sieht. 

  • Gibt es jemanden, mit dem du gerne mal tauschen würdest?

    Ja, Tischler (lacht). Ich weiß auch nicht, ob ich es unbedingt selber machen würde, aber ich finde Tischler einfach toll.  Was sie so können und was sie herstellen. Ich habe auch mit Katjas Mann, der als Autodidakt geholfen hat, hier viel gebaut - auch schon im alten JuggleHUB. Durch die Architektur konnte ich die Planung  übernehmen und wusste natürlich auch, wie muss ich alles ausmessen und wie kann das ungefähr funktionieren. 

    Aber im Endeffekt dann dieses Wissen darum, wie man die Dinge wirklich baut und zusammenfügt und schön aussehen lässt, das finde ich irgendwie total gut. Da habe ich schon einen Hang zu.


    Und manchmal würde ich gern mit jemandem tauschen, der Remote an jedem Ort der Welt arbeiten kann. So als digital Nomad. 


    Da frage ich mich dann, was für einen Beruf oder was für Projekte oder Aufgaben müsste ich machen, um so arbeiten zu können. Vielleicht mache ich irgendwann noch mal eine Weiterbildung zur Buchhalterin. Mit Zahlen kann ich auch gut umgehen und erstelle auch eigentlich gerne Tabellen etc.. 

    Ich bin natürlich sehr an an diesen Ort hier gebunden, jemand  muss  immer hier sein. Und wenn alle Stricke reißen, bin das natürlich immer ich. 


  • Wie ist denn der Name entstanden?

    Da haben wir lange dran gebastelt bis es dann irgendwann einfach saß. 

    Juggle heißt  jonglieren. Und das ist ja dieses klassische "alle Bälle in der Luft halten" mit Familie, Privatem, Job und so weiter und HUB ist eigentlich ein sehr üblicher Name für einen Space (Ort), an dem  Menschen zusammenkommen. Hub kommt eigentlich aus dem Verkehrsbereich. Das ist so ein Ort, wo alle Schienen und Gleise und Straßen zusammentreffen, eine Art Zentrum. 

  • Wie nimmt man die finanzielle Hürde bei der Gründung eines Coworking Space?

    Wir hatten ein Business-Coaching gemacht, und die Frau, die uns gecoacht hat, kannte sich super aus mit Kreditanträgen und so weiter. Sie hat mit uns die ganze Finanzplanung, die man dann einreichen muss mit der ganzen Vorschau etc. erstellt.

    Und sie kannte auch die entsprechenden Ansprechpartner in den Banken und wusste genau bei welcher Bank wir am besten als Hausbank welchen Kredit beantragen können. 

    Und dann haben wir ausgerechnet, wie viel Geld wir brauchen als Investitionskapital und wie viel wir dann noch brauchen, um einen Puffer zu haben. 

    Das war dann natürlich auch ein Schritt, dieses Geld dann als Kredit aufzunehmen. Das war ein Gründungskredit, da bist du dann zwei Jahre erstmal Tilgungsfrei und danach zahlst du acht Jahre lang die Raten ab. 

INFOBOX

 


Case study über den juggleHUB (engl.)